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Akt 2 Splitterscherben

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Akt 2 Splitterscherben

Beitrag von Sue am So Nov 20, 2016 7:14 pm



Die Gedanken und Hoffnungen des Schwarzhaarigen hatten weit gefehlt. Nichts, aber auch nicht ein Mal ein winziges Bisschen von der erhofften ihn von allem erlösenden Dunkelheit wirkte auf seinen Geist. Es war nur finster.
Kein Lichtschein, kein Schimmerfunke war auszumachen.
Keine Stille in dem unendlich laut wirkenden Getöse um ihn herum.
Kein Vergessen des Wissens, dass man alles was einen ausmachte, bestimmte und lenkte auf unbestimmte Ewigkeit für immer aus dem Geist, ja sogar aus dem menschlichen Herzen, der unsterblichen Seele verloren hatte.  
Grenzenlos gähnende Leere. Verloren in der Dunkelheit. Tot und doch auf seltsame Weise lebendig. Apathie. Melancholie. Depressionen. Angst.
Nichts wirkte wie es war. Gedanken woben trügerische Bilder, die beängstigend wirkten und zu dem der junge Mann mit seinem verloren gegangenen Selbst doch keinen wirklichen Bezug mehr aufbauen konnte.
Es war die Hölle vor der er sich so lange hatte erwehren können und die er wegen seiner Fehlentscheidungen selbst herbeigeführt hatte. Er war verloren in all den negativen Gefühlen, die er so lange vor sich selbst verschlossen hatte.

Und dann war da zusätzlich diese Präsenz, die das ganze schaurig-scheußliche Gebilde noch weiter wie Dolche tief in den astralen Körper stieß. Einen nach den anderen. Langsam und mit sichtichem Genuss. Genau wie die kleinen spitzen Portraitsplitter, auf denen er zusammen gesackt war udn sich nicht mehr bewegen wollte. Immernoch lief das nach Salz, Kupfer und Lilien durftende Blut in seichten Rinnsalen aus den mehr oder weniger tiefen Schnitten, die einfach nicht verheilen konnten. Schließlich steckten ja noch die ganzen Fremdkörper darinnen, ließen sich nicht herausnehmen oder -spülen. Wie kleine Anker saßen sie fest und verstärkten das Gefühl alles was einst wichtig gewesen war vergessen zu haben.
Wagte er sich auch nur eine winzige Bewegung, zogen sich die Splitter tiefer in ihn hinein. Solange bis sie ganz verschwanden und Platz für neue schufen, die von dem Teufelswesen mit Hochgenuss unter die rasch verheilte Haut getrieben wurden. Mit einem hohlen diabolischen Lachen, wohllüstigen Knurren oder anderen verhöhnenden Geräuschen die jedoch für den apathischen menschenverstand nicht ein mal mehr wirklich wahrgenommen wurden. Die Stiche waren nicht schlimm, aber das was die Fremdkörper mit sich brachten waren die Zweifel und kleinen zusammenhaltlosen Fetzen von Erinnerungen, die doch keine waren.

Da...

...da waren ein paar glückliche Gesichter. Ein Rothaariger mit wilder Mähne sowie stechend-selbstsicheren Blick stand mit vorfreudigem Grinsen neben einem schmalen Schwarzschopf umgeben von glücklich-aussehenden Leuten. Der Verlorene wusste, dass er auch dabei gewesen war, neben ihm er...
...was war da los gewesen?
Was waren das für Gefühlsregungen gewesen, die er nun nicht ein mal mehr im Ansatz verstand? Was war dieses Glück oder die Aussage dieses Bildes?
Warum konnte er den jungen Weißblonden neben sich nicht mehr wirklich erkennen?
Warum verschwamm das Bild in blutigen Schlieren, wo er sich doch noch nicht daran satt gesehen hatte? Warum konnte er das zauberhafte, ihn mit ganzer Aufmerksamkeit fesselnde Antlitz des jünger aussehenden Mannes nicht ohne verklärte Blicke halten? Warum blieb alles nicht in seinem Gedächtnis, damit er sich daran erinnern konnte?
Warum...warum...warum... ?
Dann war es wieder fort. Verzweiflung, wieder ein Stück stärker als zuvor, breitete sich aus und umnebelte die Gedanken.

Dort...
...ein erneutes Bild baute sich auf. Ein Schiff. Sein damaliger Stolz, was auch immer dieses Gefühl bedeuten sollte, machte sich ohne tiefgründige Wirkung in ihm breit. An der Reeling sah er Menschen stehen, wo er wusste, dass sie ihm einst so viel bedeutet hatten. Sie warteten auf ihn...
...doch die Segel trieben das Schiff schnell auf die See hinaus ohne ihn mitzunehmen. Er wollte hinterher, aber er saß ja auf dem Scherbenhaufen fest, konnte sich nicht bewegen und um die Glieder woben sich immer fester solche Bänder, die einst das Monstrum hinter der unsichtbaren Mauer gehalten hatten. Von dessen Geburt an.
Wieder alle negativen Gefühle auf ein Mal. Wieder rissen sie ihn runter und nichts konnte er dagegen tun.

Wieder eine Scherbe mehr, sanft unter die Haut gedrückt und doch wieder ein verstörendes Bild heranbefördernd. Eine Wiese. Auch hier waren wieder viele Menschen, die ihm einst und wohl jetzt auch noch etwas bedeuteten, aber der Gedankennebel war weiterhin sehr verwirrend. Er wusste es nicht, dann wieder doch, nur um festzustellen, dass er sich da doch nicht mehr so ganz sicher war.  
Sie unterhielten sich, scherzten miteinander und sogar ein paar Kinder tollten zwischen Ihnen herum. Vollkommen und wunderbar unbekümmert.
Der Schwarzhaarige selbst stand etwas abseits von der gesamten Szenerie mit vor der Brust verschränkten Armen. Da war ein kleines Mädchen, eindeutig menschlich, mit schokoladenbraunen Haaren in das eine gelbe Schleife gebunden war. Es bemerkte ihn mit seinen großen, bernsteinfarbenen Kulleraugen und dann lachte sie glockenhell auf. Gleichzeitig flitzte ein kleiner Junge quietschend von des Schwarzhaarigen Seite zu dem Mädchen hin. Das Lachen der Jungenstimme war so wunderbar vertraut.
Er wollte ihn zurückrufen, doch mitten im ersten Ton bemerkte er, dass er den Namen nicht auszusprechen wusste oder auch nur beginnen konnte. Unter unendlichen Schmerzen bewegte er sich, hob den Arm und streckte flehend die Hand nach dem Kind aus, doch es beachtete ihn nicht. Es konnte ihn ja nicht sehen. Dann rannte der Kleine in die Dunkelheit davon und eine schwarze Klaue, die des Teufels umfasste sein Handgelenk. Umwirkt von dunkler heißer Haut gruben sich die Finger mitsamt den Krallen tief in die blasse Menschenhaut. Blut quoll hervor und die Verzweiflung, durch die Emotionen des Teufels noch verstärkt kroch wie feuriges Eis durch die sich leerenden Adern hin zum Herzen.
Warum durfte er nicht wenigstens diese beiden Gesichter für sich behalten? Warum durfte er sich nicht an die Namen dieser Beiden erinnern? Warum tat der Verlust der Erinnerungen gerade mit diesen Beiden am meisten weh wo es doch noch so viele andere Gesichter gab, die ihn anlächelten als würden sie ihn kennen und so wie er war akzeptieren? Warum waren sie so wichtig?
Du wirst es nicht erfahren, zischelte der Teufel mit einem bittersüßen Unschuldsgrinsen mit der, dem Menschen verlorengegangenen und dennoch vertrauten Stimme zu.
Sieh nur. Das ist interessanter als das Gör!
Es war falsch, dass das himmlisch aussehende Kind, der kleine unschuldige Junge so betitelt wurde. Der Schwarzhaarige wollte wütend werden, die klammernde Kralle von seinem Arm schütteln und sich wehren. Doch was sollte dies schon bringen? Nichts...

So wurde er von dem Teufelswillen mit einem unsanften Schubser direkt in die nächste Szene gestoßen.
Er stand still inmitten des großen hellen und vor allem tadelos dekorierten Raumes einige Meter von einem großen Schreibtisch entfernt, auf dem ein paar unkenntliche Karten ausgebreitet waren. Er kannte sie und das Mobilar in und auswendig. Und die damals furchteinflößende Gestalt mit den langen schwarzen Haaren kannte er auch, die welche nachdenklich zum bis zum Boden reichende Fenster hinausblickte oder dort irgendetwas beobachtete. Der Schwarzhaarige salutierte, sprach etwas ohne hörbare Worte. Die Person am Fenster schien ihn jedoch zu hören, drehte sich um und kam auf ihn zu. Alles war vertraut und doch wirkten die Augen verstärkt, denn sie waren vom selben stechenden Rotton wie die des Teufelsgeistes, der hinter dem Schwarzhaarigen stand und die Klauenhand auf dessen Schulter abgelegt hatte. Eine Ermahnung, dass er noch da war und den Menschen nicht aus der Erinnerung lassen würde.
Der junge Mann, gefangen in seinem eigenen astralen Körper, hörte wie sein Name genannt wurde oder vermutete dies eher, denn dieses Wort ging in einem tosenden Kreischen unter, dass unendlich in den Ohren schmerzte und beinahe das Trommelfell zerspringen ließ. Die folgenden Worte waren jedoch deutlich und schnitten messergleich in die Gedanken. SIe sprachen von einem düsteren Versprechen: Sollte der Schwarzhaarige jemals dem einen schaden, so würde der Langhaarige eigenhändig dafür sorgen, dass er in die Hölle kam. Dieser war ja eindeutig ein furchteinflößender Teufel. Warum befand der sich in dieser Erinnerung? Warum waren ihm persönlich nie diese anderen Augen aufgefallen? Sie waren doch schlimmer als die des Teufels hinter ihm.
Eine Gänsehaut ließ ihm alle Härchen auf der Haut zu Berge stehen und er wollte weg, immer mehr umso näher dieser andere vertraute und doch angsteinflößende Teufel näher kam. Doch er konnte nicht weg. Panik.
Und ein weiteres Lachen seines eigenen Teufels.
Wird dieser andere mich erlösen?
Vielleicht? Vielleicht auch nicht? Wir werden sehen...


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