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Akt 1 Verlöschende Flamme

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Akt 1 Verlöschende Flamme

Beitrag von Sue am So Nov 20, 2016 3:43 am



Nachdenklich war der Blick der unterschiedlich gefärbten Iriden des äußerlich jungen Mannes in das undurchdringliche Dunkel dieses Ortes gerichtet, wohin er sich in seiner grenzenlosen Ratlosigkeit zurückgezogen hatte. Seit Wochen oder Monaten hielt er sich hier schon auf, nicht drauf achtend wie anderorts an der Oberfläche die Tag- und Nachtzyklen ungehindert weiterzogen.

Einst, vor einiger Zeit zumindest hatte der mittlerweile hagere Schwarzhaarige mehrmals den Versuch gewagt, diesen stetigen Kreislauf zu beenden...ihn zu stoppen... zu vernichten. Er hatte gewollt, dass kein weiterer Tag mehr verging und ihn nicht weiter von dem entfernte, was er verloren hatte. Ein unwilliges Murren erklang, tief und kehlig. Er konnte sich nicht erinnern, was es denn überhaupt war, aber vielleicht war dies ja auch gut so. Oder würde es den Schmerz des Verlustgefühls gar nicht verstärken? Die Verzweiflung vertiefen oder das Gefühl der Verlorenheit tilgen?
Die Mimik des blasshäutigen Gesichtes verzog sich. Eine Mischung aus Schmerz, Verwirrtheit und Rastlosigkeit spiegelten sich darauf wieder, doch keiner würde es zur Kenntnis nehmen.
Da war er wieder...der Gedanke etwas Falsches getan zu haben. Die Kontrolle ein Mal verloren und schon ins Unglück gestürzt.

Gnädiges Vergessen überfiel ihn nach Jahren oder Jahrhunderten, doch die Gefühle wahrten sich ihm weiterhin tief im Inneren seiner verdorbenen und vor allem verlorenen Seele. Endlose Leere wünschte er sich, doch nichts konnte ihm dies alles nehmen. Nur noch ein weiterer Schritt und er würde sich verlieren.
Doch wollte er dies nicht? Eigentlich schon...aber irgendwie auch wieder nicht. Da war etwas, dass er nicht gehen lassen wollte und etwas, wovor er doch noch soetwas wie Angst verspürte.
Fahrig glitten beide Hände bei einem erneuten Beben seiner Seelenmauer am jeweils anderen Arm empor, als wollten sie einen kläglichen Versuch unternehmen die steifen, kalten Glieder zu wärmen und auch noch gleich den gesamten restlichen Körper schützen. So eng es nur ging umklammerte der Schwarzhaarige sich selbst, die Augen im Dunkel weit aufgerissen und den bebenden Atem stoßweise herauspressend. Er wollte Halt um nicht gänzlichst im Nichts aufzugehen und seine panischen Iriden beteten immer die selben Worte seines Geistes in das Schwarz: Nicht jetzt. Nicht jetzt. Nicht jetzt. Nur noch ein bisschen....ein bisschen durchhalten.
Die Angst würde vorrüber gehen und die selbstauferlegten Fesseln sich wieder um das große dunkle Unbekannte in den tiefsten Abgründen seiner Seele schlingen.

Ein erschreckter Ton entwich der trockenen Kehle des äußerlich jungen Mannes, als ein Kreischen in seinen Ohren wiederhallte. Die hagere Gestalt wurde schreckensstarr.
Niemand konnte diesen schrecklichen Ton hören. Nur er, denn in den tiefen noch finsteren Abgründen schrie die Bestie erneut mit Empörung hinter der Seelenmauer auf. Schrill und spitz der Ton, grell und metallisch schabten die scharfen messerartigen Klauen über die bröckelnden unsichtbaren Ziegel. Sie brachen kleinere Stücken heraus. Jedes mal zerbrach mit einem gläsernen Bersten ein Stück der alten Seele...eine weitere Erinnerung verloren. Na... men... Na... me... . Mit eckigen Bewegungen der müden Sehnen und Muskeln krallten sich die Hände in die ohnehin schon wirren Haare. Es schmerzt... doch die Namen von früher waren schon lange fort.
Genau wie nun auch eines der wenigen noch verbliebenen Gesichter... oder die Wesenheiten seines früheren selbstbewussten Selbst die ihn zu dem gemacht hatten was so viele geschätzt und bewundert hatten. Wie Glas zerbrach das Gesicht einer jungen Frau. Braunes langes Haar umrahmte das Gesicht mit dem gütigen Blick.
Der Schwarzhaarige wusste, dass sie etwas besonderes gewesen war. Genau wie die Gesichter davor. Sie war wichtig gewesen. Er hatte sie gekannt. Einst vor Äonen. Sie war IHM sehr wichtig gewesen und somit auch für die hagere Gestalt im Dunkel eine Schlüsselperson...
Ihm... er, dessen Namensklang noch in der Seele hallte. Eines der noch schwachen Lichter mit Gesicht, die die Mauer vor dem Seelengeist stärkten.
Der Dunkelhaarige stand reglos da und starrte das glühäugige Biest hinter dem Wall beinahe schon teilnahmslos an. Es tobte, versuchte die unsichtbaren Fesseln zu sprengen, sie wieder ein Stück zu lösen. Der Blick der traurigen und erschöpften Augen ging zu dem unsichtbaren Boden, welcher mit alten Scherben übersäht war und nun auch den noch leicht schillernden Scherben  des eben zerbrochenen Gesichtes eine neue Unterlage bot. Da schimmerte der leicht lächelnde Mund auf dem einen Stück. Auf einem weiteren, wenige Zentimeter entfernt strahlte eines der rehbraunen Augen und funkelte ihn namenlos an. Erinnere dich...alles vergebens.

Das berstende Geräusch rostigen Metalls erklung, gefolgt von einem triumphalen Brüllen hinter der Mauer. Wieder hatte sich eine Fessel des gewaltigen Ungeheuers gelöst. Wieder schabten die Krallen verlangend über den unsichtbaren Wall. Ein Beben erschütterte die Seele des Schwarzhaarigen. Sein Blick glitt fahrig nach Oben. Die Rahmen, welche an unsichtbaren Fäden schwebten, waren fast alle leer. Sie erzitterten erneut und eines der zwei letzten Bilder brach aus seiner Fassung, nur um wie das andere Portrait zuvor zu Füßen des Schwarzhaarigen in unzählige Scherben zu zerklirren.

Wie lange hatte dieser Abstand gedauert?
Eine Sekunde?
Minuten?
Wochen oder sogar wieder mehrere Jahre?

Jegliches Zeitgefühl war dem jungen Mann entglitten. Schon seit Ewigkeiten völlig entschwunden. Da war nur noch diese Verzweiflung...dieses unermessliche Tief...der unendliche Abgrund des Nichts der hinter ihm willkommen heißend grollte.

Kurz wurden die neuen Scherben gemustert, ehe der Blick unter flatternden Lidern kurz zu dem tobenden Monster flackerte nur um das letzte verbliebene Antlitz der einen wahren Liebe zu betrachten. Sein Heiligtum...sein Siegel... seine Hoffnung...sein Rettungsseil.
Namenlos und dennoch gütig blickten die Augen auf ihn herab, als wüssten sie, dass sie ebenso verlöschen würden. Gerade als wüssten sie, dass sie zu Scherben zerbersten und auf Ewig mitsamt seiner Seele in Vergessenheit geraten würden. Genau wie jene zuvor...
Der Schwarzhaarige betrachtete alles: die Haare, die Statur, die Mimik, jedes noch so kleinste Detail des vertrauten, unbekannten Gesichts. Die Einsamkeit wog nun umso schwerer. Ich kenne dich, Namenloser. Geh nicht auch noch... verlass mich nicht. . .
Immer wieder versuchte der Schwarzhaarige dies in die Dunkelheit des stillen Ortes zu schreien, doch seine Kehle blieb stumm bis auf ein paar unwirrsche Geräusche. Niemand würde ihm helfen. Irgendwo tief im Dunkel fühlte er es, doch ein Quantum Hoffnung schillterte in Form einer fast verlöschenden Kerze in einer kleinen dunklen Ecke.
Er hätte nach ihr schauen können, doch keine Sekunde lang wendete er den Blick von dem wundervoll mit Ornamenten geschmückten Rahmen mit dem Bildnis des Einen fort.

Ein weiteres Knallen erklang und erschütterte die Seele des Mannes. Die vorletzte Kette war zersprungen. Wütend wand sich das Monstrum. Warum war es noch nicht frei, doch lange würde es nicht mehr dauern. Doch die Mauer fiel wie ein zu Boden geschmetterter Spiegel klirrend in sich zusammen.
Nichts schützte den Seelengeist des Schwarzhaarigen mehr vor den Klauen der Bestie, welche so lange auf diesen Moment hatte warten müssen.  Ein erneutes, nun aber triumphales Brüllen lies die Seele erzittern und den fleischlichen Körper vor panischer Angst beben. Ein Brüllen des nahenden Sieges. Das blutverschlingende Monster mit den rotglühenden Augen wusste, dass die Seele des jungen Mannes sich ohne Kampf ergeben würde. Sie hatte ohnehin nichts mehr woran sie festhalten konnte. Nichts mehr, was sie stützte. Nicht, woran sie glauben konnte.
Der junge Mann hatte alles verloren. Durch seine eigene Schuld alles zunichte gemacht.
Es tut mir Leid... so unendlich Leid...ich vermisse dich...euch alle...geht nicht...geh nicht auch noch.

Der Seelengeist hielt nun das kleine Hoffnungslicht schützend in den Händen, der Wachskörper vielleicht nur noch 5 Millimeter an Größe schrumpfte beständig genau in der Geschwindigkeit wie die Hoffnung auf Rettung schwand... und der trostlosen Dunkelheit der Einsamkeit den Platz gab, die schon lange Einzug in den verzweifelten Geist gehalten hatte und über alle vergangene Zeit gärte.
Nein...nein...nein...nicht. Bitte!
Schützend hob er die Hände mehr zusammen. Sprach zu dem kleinen schimmernden Licht, das leise Bersten von Holz überhörend, welches sich anhörte wie als wenn jemand einen stärkeren Ast quälend langsam bis zum endgültigen bersten hin durchbog. Die kleine Flamme leckte an der fast gänzlich erfrorenen Haut, ließ sie wärmer erscheinen, als sie tatsächlich war und senkte sie sogar leicht an. Doch der Schmerz blieb aus, vollkommen überlagert von der Angst alles was war zu verlieren und zu vergessen.

Siegesgewiss grollend reckte die Bestie die freien Glieder. Nur eines war noch gekettet und unbeweglich. Ärgerlich, aber der Sieg nahte.
Die blutrot glühenden, pupillenlosen Augen fixierten den mit der Flamme bemühten Seelengeist. Mit ruckartigen, schnellen Bewegungen richtete sich das Monster auf und streckte die beiden riesigen Hände in die Richtung der kümmerlichen Reste der einst so starken Seele. Je näher sie kamen, desto mehr splitterte der Rahmen mit dem letzten Portrait. Mit jedem neuen Riss verwelkte die strahlendplatinblonde Farbe und wurde fleckenartig schwarz, wie die Haut eines alten Menschen im fortschreitenden Laufe der Lebensjahre.  
Die farblosschwarzen Hände legten sich wie eine Hülle um die immer mehr verkümmernde Seelenreste, als wollten sie diese schützen, doch das genaue Gegenteil war der Fall. Sie warteten, dass das kleine Flammenlicht vollends verlosch.
Wenn dies geschehen würde, dann würden sie sich fester um die Menschengestalt schließen, sie nicht mehr frei lassen und dann würde das Monster... der Dämon den Schwarzhaarigen langsam zu sich heranziehen. Letzte Fessel hin oder her. Dann würde der Dämon...Teufel triumphieren. Endlich. Nach fast zwei Jahren. Endlich würde er seine noch nie erlebte Freiheit erlangen. Endlich würde er herrschen können. Endlich Macht...nicht mehr die grenzenlose Schmach von einem Menschen... von einem Nichts unterdrückt zu sein.

Flackernd reckte sich die kleine Flamme. Immer und immer wieder, als wolle sie nicht verlöschen. Nicht sterben. Nicht jetzt.
Doch der Docht war verbraucht. Das Wachs, durch Hitze  von Feuer, Händen und Atem geschmolzen, drohte nun auch noch sie zu ertränken. Die heiße Flüssigkeit konnte nicht abfließen aus der Handschale.
Die Verzweiflung in dem Seelengeist breitete sich aus und erfasste auch die Umgebung. Die gähnenden Leeren der Rahmen wurden tiefschwarz, nur an manchen Stellen von roten Blutschlieren durchzogen. Erste fielen ohne ein Geräusch zu machen, nur um geräuschvoll auf dem nun milchiggrauen Boden in große Stücken zu zerbrechen oder dumpf auf den Armen und Händen der Bestie zu schlagen ohne Schaden zu verursachen.
Vorsichtig versuchte der junge Mann das Feuer am leben zu erhalten, er sprach ohne Worte, hielt die letzten kleinen Flämmchen sogar an den Mantelärmel, aber das Feuer ergriff seine Chance nicht. Es dürstete nicht nach dem schwarzen feinen Stoff des Marinejackets und auch die Haare kümmerten es nicht. Es ist verloschen...
...und mit ihm brach nun auch noch das letzte Bild aus dem welken Rahmen, zerschellte am Boden. Das Klirren der Scherben ging jedoch in dem erwartungsvollen Siegesbrüllen des Teufels unter. Endlich der Triumph, die Schlüsselsituation zu seiner Freilassung. Endlich!
Das Wachs mit dem kleinen verkokelten Docht noch schützend in der Hand haltend, blickte der junge Mann mit furchtsamen Augen auf, direkt in die nun feuerfunken-schlagenden Augen. Er spürte wie sich die Hände beide samt um seinen schwachen Körper schlossen und ihn direkt zu dem frohlockenden Teufelswesen hinzogen. Die Pranken drückten fest zu. Ein Arm brach. Mehrere Rippen ebenso, aber das spielte keine Rolle und kein Ton war von dem verhagerten Menschen zu hören. Auf kurz oder lang würde das alles eh ein Ende haben. Die Dunkelheit würde ihn endlich vergessen lassen. Lass mich vergessen. So glaubte er zumindest.
So kalt die Finsternis auch war, in der er sich bis eben noch befand, so erlösend konnte die ruhige Dunkelheit des endgültigen Endes sein. Ein wenig frohlockte der Seelengeist diesem Punkt entgegen. So wie er war sollte ihn eh keiner mehr sehen. Zerbrochen ob seiner eigenen Fehler, der Reue und der eigenen Schwäche wegen, dies nicht eingestehen zu können.

Er wusste was kommen würde. Die Verbindung. Die Vereinigung, die der Schwarzhaarige in Bezug auf diese Art und Weise nur jemand bestimmten...nur einem EINZIGEN zugesprochen hatte, war nun durch ihn nicht mehr verhinderbar. Er würde es ertragen. Etwas anderes blieb ihm nicht übrig.
Und so rührte er sich nicht. Kein Laut drang wegen der Schmerzen aus seiner Kehle und keine Miene verzog sich, als der völlig in der Dunkelheit verborgene Teufel, von dem nur das leuchtende Augenpaar zu erkennen war, damit begann ihm die Kleider vom Leib zu reißen.
Ganz langsam tat er dies mit einer der längeren Krallennägel. Erst die Ärmel, dann der Rest der Jacke, jedes einzelne Kleidungsstück auf langsame quälende Art und Weise vom Körper geschnitten. Nicht selten hinterließen die scharfen Krallenspitzen blutige, mehr oder weniger tiefe Wunden in der blassen Haut des Seelengeistes. Es war einerlei, denn was der Seele wiederfuhr geschah auch mit dem fleischlichen Körper, der in völliger Starre auf dem Boden halb an die Wand gelehnt in der dunken Höhle unter den blutdurchnässten Kleidungsstücken dahinzitterte. Die Augen weit geöffnet und leicht im Dunkeln rötlich glühend. Das eine Rubinrote wirkte fast Schwarz und die andere, zuvor tiefblaue Iris hatte begonnen sich zu verfärben. Immer mehr Rot lief von den Irisrändern hin zur stecknadelkopfgroßen Pupille..........


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